Die schwere Last der Defektgene

September 2018 - Artikel von Rudolf Hinterding


Wahrscheinlich sind die allermeisten Mitglieder unseres Vereins große Kromi-Fans. Unsere Hunde sind ja auch etwas ganz Besonderes mit ihrem einzigartigen Wesen und ihrem pfiffigen Aussehen. Wenn sie uns mit ihren mandelförmigen Augen anschauen, kann man ihnen kaum widerstehen.

 

Aber sicher ist auch vielen bekannt, dass die Population der Kromfohrländer bedingt durch die jahrzehntelange Inzucht viele gesundheitliche Probleme zu verzeichnen hat und Defektgene verschiedenster Arten daher über die gesamte Population verbreitet sind.

 

ProKromfohrländer e.V. hat sich gegründet, um unseren Kromis langfristig zu mehr Gesundheit zu verhelfen, den Inzuchtgrad zu senken und dadurch diese wunderbare Hunderasse zu erhalten. Um dieses Ziel zu erreichen, hat ProKromfohrländer e.V. sich zum Einkreuzen entschieden, aktuell mit dem Dansk-Svensk-Gardhund (DSG). Dass dies jedoch ein langer und mühevoller Weg werden wird, der sicherlich nicht immer nur geradeaus führen wird, war von Anfang an bekannt und eigentlich auch nicht anders zu erwarten.

 

Ich wende mich nun an alle Vereinsmitglieder, um etwas von dem weiterzugeben, was ich in Diskussionen im Internet und auf diversen Kromi-Wanderungen mitgenommen habe. Ich möchte einfach Enttäuschungen als Ergebnis falscher Erwartungen vermeiden. Gewiss, Kynologen und Genetiker könnten es deutlich besser und fachlich korrekter formulieren als ich. Bitte habt Verständnis, dass ich hier meine eigenen Worte wähle – ich habe ja keine anderen.

 

Jedes Lebewesen trägt Erbkrankheiten in seinen Genen. Durch die jahrzehntelange Inzucht ist jedoch die genetische Vielfalt der Kromfohrländer-Rasse derart eingeschränkt worden, dass Defektgene mit hoher Wahrscheinlichkeit aufeinandertreffen und Erbkrankheiten somit leider ein leichtes Spiel haben.

 

So tragen viele Kromfohrländer beispielsweise die Gene bzw. die Veranlagung für eine Autoimmunerkrankung (AI) in sich. Schaut man genauer hin, so hat es zumindest den Anschein, als könnte man zwei Gruppen von AI-Vererbern ausmachen. Zum einen gibt es anscheinend aktivere Vererber, die in nahezu jedem Wurf (auch mit unterschiedlichen Paarungspartnern) erkrankten Nachwuchs bekommen. Zum anderen findet man latentere Vererber, bei denen es nur dann zu erkranktem Nachwuchs kommt, wenn ein massiver Vererber mit ihnen zusammenkommt und sich die Zuchtlinien sozusagen „nicht vertragen“. Wann und ob eine Autoimmunerkrankung ausbricht und ein Hund daran erkrankt, das lässt sich leider nicht vorhersehen, da die Erbgänge noch nicht bzw. noch nicht vollständig geklärt sind. Hier bleibt einem derzeit nur die Analyse der in den Linien aufgetretenen Krankheiten und die Vermeidung von risikoträchtigen Paarungskombinationen.

 

Das hört sich nicht nur kompliziert an, das ist es auch – man weiß einfach noch viel zu wenig über diese Krankheit, als dass man geeignete Zuchtlenkungsmaßnahmen entwickeln könnte. Um das Auftreten von Autoimmunerkrankungen zukünftig zu vermeiden oder zumindest besser bekämpfen zu können, führt ProKromfohrländer e.V. in Zusammenarbeit mit dem renommierten österreichischen Genlabor FERAGEN eine Forschungsstudie zu Autoimmunerkrankungen bei den Kromfohrländern durch. Auch wenn die Realität der AI-Erkrankung wohl komplex ist und es sich dabei um ein multifaktorielles Geschehen handelt, es also nicht unbedingt eine ausschließlich genetische Angelegenheit ist, so geht mit der FERAGEN-Studie eine enorme Hoffnung einher. Der Erfolg für zukünftige Zuchtlenkungsmaßnahmen hängt aber auch wesentlich davon ab, wie viele Besitzer von AI-erkrankten Kromfohrländern von ihren Hunden bei FERAGEN eine DNA-Probe zur Verfügung stellen.

 

Auch Erbkrankheiten wie beispielsweise das von-Willebrand-Syndrom (Bluterkrankheit), das fast die Hälfte der Kromfohrländer-Population in sich trägt, werden weitervererbt. Davor schützt auch nicht das Einkreuzen mit einem Danski. Das Einkreuzen kann allenfalls mithelfen, die von-Willebrand-Erkrankung aus der Rasse der Kromfohrländer einfacher wieder herauszudrängen.

 

Weitere bei den reinrassigen Kromfohrländern verbreitet auftretende Krankheiten wie Epilepsie, Digitale Hyperkeratose oder Gelenkerkrankungen wie Arthrose, um nur ein paar zu nennen, werden nicht einfach verschwinden, nur weil ProKromfohrländer e.V. ein Projekt auflegt. Auch bei der Hyperurikosorie (eine Erkrankung, die zu Steinen im Urin und Nierenleiden führen kann) muss aufgepasst werden, dass sie sich nicht zu einem zusätzlichen Problem in der Rasse entwickelt.

 

Alle bisher genannten und als „normal“ zu betrachtenden Krankheiten sind mitnichten ein Indiz dafür, das Einkreuzprojekt als gefährdet oder gar gescheitert bezeichnen zu können. An jeder Projekt-Generation (F0 bis F4) sind reinrassige Kromfohrländer beteiligt. Jeder einzelne dieser Kromfohrländer bringt seine individuelle Disposition für die gerade beschriebenen schlimmen Erbkrankheiten mit ein. Das ist der Preis dafür, dass man die Rasse der Kromfohrländer,

so wie man sie kennt und liebt, erhalten will.

 

Inzuchtdepression lautet der Begriff, unter dem man all diese Erbkrankheiten, die den Kromfohrländern so zu schaffen machen, zusammenfasst. Die Liste solcher Krankheiten ist lang. ProKromfohrländer e.V. will diese Liste ein wenig verkürzen und den Prozentsatz von erkrankten Kromfohrländer verringern. Der Weg dahin führt über unser Einkreuzprojekt, das ist unsere Hoffnung. Es ist ein Projekt, keine gesicherte medizinische Erkenntnis, um das klar festzuhalten. Damit soll der Rasse langfristig eine erhöhte genetische Vielfalt mit auf den Weg gegeben werden. Letztlich sollen die Krankheiten in der Population insgesamt reduziert werden.

 

Der Weg dahin führt über die Generationen der F4-Projektkromis, die möglichst in großer Zahl der Rasse der Kromfohrländer zugeführt werden sollen. Der verbleibende Danski-Anteil (6,25 %) der F4-Kromis soll es richten. Jeder F4-Kromi bringt diesen Anteil mit ein, doch es sind beileibe nicht immer dieselben Gene, die sich hinter diesem Anteil verbergen. Jeder F4-Kromi bringt seinen eigenen 6,25%-Genpool mit ein.

 

Bis dahin ist es jedoch ein langer Weg. Züchten heißt, in Generationen zu denken. Man muss durchschnittlich wohl mit etwa 8 bis 10 Jahren rechnen, bis ein F4-Projektkromi für die Weiterzucht zur Verfügung steht. Mit nur einem F4-Kromi ist es aber keinesfalls getan. Es bedarf gewiss des Einsatzes einer großen Anzahl solcher Projekthunde, ehe man Auswirkungen auf die Inzuchtdepression bei der Gesamtheit der Kromfohrländer-Rasse feststellen kann. Aber selbst mit dieser Aussage muss man so ehrlich sein und sagen, dass es ein Projekt ist. Ein Projekt, mit dem große Hoffnungen einher gehen. Ob diese Hoffnungen erfüllt werden, bleibt abzuwarten. Letztlich werden es Statistiken sein, die später mal im Vergleich mit früher zeigen werden, ob unsere Hoffnungen in Erfüllungen gegangen sein werden. Wir reden dabei von einem langen Zeitraum, sodass einige von uns das Ergebnis womöglich gar nicht mehr erleben werden.

 

In vielen Gesprächen mit Interessenten hört man oftmals die Erwartungshaltung heraus, dass unsere Projektkromis gesünder sind als die reinrassigen Kromis. Genährt wird diese Hoffnung durch den hohen Danski-Anteil, den die Projekthunde mitbringen. Wir beobachten die Projekthunde sehr genau, deshalb führen wir ja auch aufwendige Sichtungen durch. Es sind auch tatsächlich Veränderungen festzustellen, die die Projekthunde im Vergleich zu den reinrassigen Kromis aufweisen. So scheint beispielsweise das Nervenkostüm der Projekthunde erkennbar stabiler zu sein. Scheint, muss man hier sagen, weil für eine solche Aussage eine langfristige Beobachtung erforderlich ist, ehe sie als Fakt verbreitet werden darf.

 

Aber es ist wohl jedem klar, bei ProKromfohrländer e.V. gibt es keine Wunderheiler, die mit einem noch so engagierten und durchdachten Projekt die Rasse ab sofort gesund zaubern können. Es ist eine Illusion bzw. reines Wunschdenken zu glauben, dass wir ab jetzt nur noch gesunde und perfekte Kromfohrländer züchten. Das ist auch definitiv nicht das Projektziel – das kann es auch gar nicht sein. Es musste immer damit gerechnet werden, dass spätestens ab der F2-Generation, wenn von beiden Seiten wieder Kromfohrländer-Gene aufeinandertreffen, sich auch die kromitypischen Erkrankungen bei dem Nachwuchs zeigen können.

 

So tragisch auch jeder einzelne erkrankte Hund ist – 100%ig vermeiden lassen wird sich dies trotz allem Wunschdenken und noch so gewissenhafter Verpaarungen leider nicht – auch wenn wir uns dies noch so sehr wünschen würden. Als realistisches Ziel erscheint daher vielmehr die langfristige Reduzierung der vielen Erbkrankheiten in der Gesamtpopulation der Kromfohrländer insgesamt. Dass die Projekt-Kromfohrländer allesamt gesund sind und nur an Altersschwäche sterben werden, das ist bestenfalls eine stille, aber sicherlich unrealistische Hoffnung, die man mit dem Einkreuzprojekt verbindet. Als mehr oder weniger gesichert gilt, dass die sogenannten Hybriden, also die F1-Kromis, als deutlich gesünder gelten. Hybridhunde profitieren dabei vom so genannten Heterosis-Effekt. Dieser Effekt sorgt für eine deutliche gesundheitliche Verbesserung der Nachkommen durch die genetische Vermischung. Züchtet man jedoch mit Hybriden weiter, verliert sich dieser Effekt mehr und mehr. Das erklären auch unisono alle Fachleute, die sich zu diesem Thema äußern. Es ist also keine neue Erkenntnis. Eine entsprechende Entwicklung ist erwartungsgemäß auch beim finnischen Einkreuzprojekt der Kromfohrländer zu verzeichnen.

 

Wenn also die Realität bei den Folgegenerationen der Projekthunde (F2-F4) insgesamt mal anders aussehen wird und einzelne Hunde krank werden, ist das natürlich sehr bitter. Die Erwartung, bis ins hohe Hundealter nur gesunde Projekthunde zu züchten, wurde allerdings nie als Projektziel formuliert. Beim Projektziel besteht die Hoffnung auf eine gesundheitliche Verbesserung der Rasse durch die Entfaltung des 6,25%-Genpools der F4-Projekthunde, was, wie dargelegt, einen langen Atem erfordert.

 

Manch einer wird jetzt fragen, warum denn dann nicht ausschließlich Hybridhunde – bestehend aus 50% Kromfohrländer und 50% Dansk-Svensk-Gardhund – gezüchtet werden. Dieser Gedankengang ist zunächst sicherlich durchaus verständlich, hätte dann aber nichts mehr mit einer zielgerichteten Kromfohrländer-Zucht und Erhaltung der Rasse als solches zu tun. Vielmehr würde es sich in diesem Fall um eine reine Mischlings- bzw. Hybridhunde-Zucht handeln, womit über kurz oder lang die Rasse der Kromfohrländer zum Aussterben verurteilt werden würde. Ein großer Verlust, wenn man jemals erlebt hat, was für ein wundervoller und treuer Begleiter ein Kromfohrländer für seine Besitzer ist.

 

Was ich zum Schluss gerne sagen kann: Das Projekt läuft bisher sehr gut, es gibt und wird immer wieder auch bei den Projekthunden Krankheiten zu verzeichnen geben, aber deswegen sind es nicht zwangsläufig Rückschläge des Projektes. Auch wenn Krankheiten auftreten ‒ wie kürzlich eine Autoimmunerkrankung bei einem F2-Projekthund ‒ müssen sie, wie dargelegt, leider als teilweise unvermeidlich hingenommen werden. Natürlich würden wir uns dies auch anders wünschen.

 

Was aber auch – nach heutigem Stand – gesagt werden kann: Die Wahrscheinlichkeit, bei ProKromfohrländer e.V. einen gesunden Hund zu bekommen, ist recht groß. Dazu trägt die Vermischung mit den Danski-Genen ebenso bei wie die Gentests, die ProKromfohrländer e.V. als Standardmaßnahme bei jedem Hund in Auftrag gibt, um so eine solide Zuchtlenkung durchführen zu können.

 

Die Projekthunde unterliegen selbstverständlich einer strengen Beobachtung. Jede Krankheit geht uns an die Nieren, dazu sind wir alle viel zu sehr vernarrt in unsere Hunde. Aber so wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, so bringen einzelne Krankheiten das Projekt nicht zum Wanken. Leider gibt es Leute, die dieses Projekt nur zu gerne fallen und scheitern sehen wollen. Deshalb sollte dieser Bericht die Realität in den Fokus rücken. Mehr sollte damit nicht erreicht werden.

 


Anmerkung:

Bei dem F2 - Projekthund im Artikel von Rudolf Hinterding handelt es sich um einen Nachkommen aus meiner Zuchtstätte. Aufklärung ist mir wichtig, nicht nur in persönlichen Gesprächen, sondern auch "schwarz auf weiß"  auf meiner Homepage.

Schreiben ist nicht so mein Ding, deshalb bin ich dankbar, dass Rudolf  Hinterding diesen Artikel geschrieben hat und mir die Genehmigung erteilt hat, ihn auf meiner Homepage zu veröffentlichen.

Krmfohrländer vom Flawenjupé

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